BSG – 24.11.2005 – B 9a SB 1/05 R
Merkzeichen B · Rechtsprechungsseite
Entscheidung / Quellenstand
Urteil
BSG – 24.11.2005 – B 9a SB 1/05 R
Einordnung: H bei Hörsprachschädigung
Bedeutung: Primär H: nach beruflicher Erstausbildung ist bei Hörsprachgeschädigten ein besonderer,
zeitlich erheblicher Hilfebedarf erforderlich; berufsbegleitender Unterricht an einem Tag pro Woche
genügte nicht.
Entscheidungstext
Tatbestand
Im Rechtsstreit macht der Kläger geltend, bei ihm liege für den Zeitraum einer beruflichen
Weiterbildung Hilflosigkeit vor.
Bei dem am 15. Dezember 1975 geborenen Kläger ist eine "an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit
beiderseits mit Retardierung der Sprachentwicklung" als Behinderung mit einem Grad der
Behinderung (GdB) von 100 anerkannt (Bescheid vom 30. Januar 1978). Daneben hatte der Beklagte
auch die gesundheitlichen Voraussetzungen für die Merkzeichen "H" (Hilflosigkeit) und "RF"
(Befreiung von der Rundfunkgebührenpflicht) anerkannt, das Merkzeichen "H“ indessen mit Bescheid
vom 2. April 1997 nach Abschluss der Berufsausbildung des Klägers zum Elektroniker entzogen.
Zur Begründung seines am 9. Dezember 2002 gestellten Antrags, das Merkzeichen "H" wiederum
anzuerkennen, gab der Kläger an, er habe im Oktober 2002 eine Fortbildung zum staatlich geprüften
(Elektro-)Techniker beim DAA-Technikum begonnen; die Lehrgangsdauer betrage 46 Monate und
beinhalte Samstags- und Seminarunterricht im Umfang von mindestens 70 Unterrichtsstunden pro
Semester neben einem Selbststudium mit dem Lehrmaterial des DAA-Technikums. Damit blieb er im
Verwaltungsverfahren ohne Erfolg (Bescheid des Beklagten vom 13. Februar 2003;
Widerspruchsbescheid vom 7. Mä).
Auf die Klage hat das Sozialgericht Würzburg (SG) den Beklagten mit Urteil vom 10. Juli 2003 zur
Anerkennung der gesundheitlichen Voraussetzungen des Merkzeichens "H" ab Oktober 2002
verurteilt. Zur Begründung hat das SG unter Berufung auf die Rechtsprechung des
Bundessozialgerichts (BSG) auf die Intensität des Lernens und Fertigkeitserwerbs abgestellt, die bei
der Weiterbildung zum staatlich geprüften (Elektro-)Techniker mindestens gleichwertig, wenn nicht
höher einzuschätzen sei, als bei der Ausbildung zum Elektroniker.
Auf die Berufung des Beklagten hat das Bayerische Landessozialgericht (LSG) mit Urteil vom 21.
September 2004 das Urteil des SG aufgehoben und die Klage abgewiesen. Es hat zur Begründung im
Wesentlichen ausgeführt: Der Kläger erfülle während des von ihm absolvierten Fernstudiums nicht die
vom BSG aufgestellten Voraussetzungen für die Gewährung des Nachteilsausgleichs "H". Zwar
handele es sich um eine institutionalisierte Weiterbildung von mehr als sechsmonatiger Dauer und
einer mit der Erstausbildung vergleichbaren Intensität des Lernens und Fertigkeitserwerbs. Der
erforderliche Hilfebedarf sei aber im Gegensatz zu den Umständen der Erstausbildung nicht prägend
für die gesamte Lebensführung des Klägers. Sein Leben sei nicht überwiegend auf die Ausbildung
ausgerichtet; die Weiterbildung finde in der Freizeit durch Selbststudium und vorwiegend durch
Seminarunterricht an Samstagen statt. Der mündliche Wissenstransfer stelle daher keinen zentralen
Rahmen des Fernstudiums dar. Der erforderliche Hilfebedarf erreiche nicht mindestens zwei Stunden
am Tag.
Mit der - vom LSG zugelassenen - Revision rügt der Kläger im Wesentlichen die Verletzung des § 69
Abs 4 Neuntes Buch Sozialgesetzbuch - Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen - (SGB
IX). Er macht insbesondere geltend: Das Erfordernis der Prägung der gesamten Lebensführung durch
den Hilfebedarf erschwere gehörlosen Menschen den Zugang zum Merkzeichen "H". Anders als
jüngere Menschen oder Arbeitslose, die an Ganztagesunterricht teilnehmen könnten, sei er auf eine
berufsbegleitende Weiterbildungsmaßnahme verwiesen, wolle er nicht den Verlust des Arbeitsplatzes
und die damit verbundenen finanziellen Einschränkungen hinnehmen. Schon dies gebiete eine
Gleichbehandlung beider Ausbildungsformen. Auf Grund seiner Gehörlosigkeit sei er nach wie vor in
Wortschatz und Ausdrucksmöglichkeiten des Gesichts und der Hände beschränkt. Anders als während
der beruflichen Erstausbildung mit Gehörlosenpädagogen werde die jetzige Weiterbildung durch
Dozenten ohne eine derartige Zusatzausbildung betrieben. Während der Präsenzveranstaltungen
könne er nur mittels Gebärdendolmetscher kommunizieren. Eingeschränkt sei er auch durch seinen
geringeren Wortschatz und die Unmöglichkeit, Dozenten an so genannten Telefonsprechtagen zu
befragen. Gegenüber den Kommilitonen sei die Kommunikation - anders als während der
Erstausbildung unter Seinesgleichen - erschwert. Bei einer derart erschwerten
Weiterbildungsmöglichkeit könne jedenfalls nicht unbeachtet bleiben, dass sie für den gehörlosen
Menschen - auch für die Zeit außerhalb der Präsenzveranstaltungen - ungeheuerlich prägend sei.
Der Kläger beantragt,
das Urteil des Bayerischen Landessozialgerichts vom 21. September 2004 aufzuheben und die
Berufung des Beklagten gegen das Urteil des Sozialgerichts Würzburg vom 10. Juli 2003
zurückzuweisen.
Der Beklagte beantragt unter näherer Darlegung,
die Revision zurückzuweisen.
Die Beteiligten haben sich mit einer Entscheidung des Senats durch Urteil ohne mündliche
Verhandlung einverstanden erklärt (§ 124 Abs 2 Sozialgerichtsgesetz <SGG>).
Entscheidungsgründe
Die Revision des Klägers ist unbegründet. Berufungsgericht und Beklagter haben zu Recht die
gesundheitlichen Voraussetzungen für das Merkzeichen "H" während der Zeit der beruflichen
Weiterbildung des Klägers verneint.
Der vom Kläger geltend gemachte Anspruch richtet sich nach § 69 Abs 4 SGB IX vom 19. Juni 2001
(BGBl I 1046), in Kraft getreten am 1. Juli 2001 (Art 68 Abs 1 SGB IX). Darin
ist bestimmt: Sind neben dem Vorliegen der Behinderung weitere gesundheitliche Merkmale
Voraussetzung für die Inanspruchnahme von Nachteilsausgleichen, so treffen "die für die
Durchführung des Bundesversorgungsgesetzes (BVG) zuständigen Behörden“ die erforderlichen
Feststellungen im Verfahren nach Absatz 1. Die hier ebenfalls einschlägige, am 1. Mai 2004 in Kraft
getretene Fassung des Gesetzes vom 23. April 2004 (BGBl I 606) benennt in § 69 Abs 4 iVm § 69 Abs
Satz 7 SGB IX nunmehr - neben den für die Durchführung des BVG zuständigen - auch die durch
Landesrecht beauftragten Behörden als "die zuständigen Behörden“. Die so umschriebenen Behörden
des Beklagten entscheiden auch darüber, ob die gesundheitlichen Voraussetzungen der vom Kläger
beanspruchten - ua steuerrechtlichen - Förderung bei Hilflosigkeit gegeben sind.
Im Schwerbehindertenausweis ist das Merkzeichen "H" einzutragen, wenn der schwerbehinderte
Mensch hilflos iS des § 33b Einkommensteuergesetz (EStG) oder entsprechender Vorschriften ist (§ 3
Abs 1 Nr 2 der auf Grund von § 70 SGB IX ergangenen Schwerbehindertenausweisverordnung idF
der Bekanntmachung vom 25. Juli 1991, BGBl I 1739, zuletzt geändert durch Art 4a des Gesetzes
vom 23. April 2004 aaO). Insoweit hat sich durch das seit 2001 geltende neue Recht in der Sache
keine Änderung ergeben gegenüber dem bis dahin geltenden § 4 Abs 4 Schwerbehindertengesetz (vgl
Senatsurteil vom 12. Februar 2003, SozR 4-3250 § 69 Nr 1, mit Anm Palm, SGb 2003, 702, und Kube,
NZS 2004, 458; stRspr).
Gemäß § 33b Abs 6 Satz 2 EStG in der im Zeitpunkt der Antragstellung des Klägers maßgeblichen, ab
21. September 2002 geltenden Fassung der Bekanntmachung vom 19. Oktober 2002 (BGBl I 4210;
spätere Änderungen des § 33b EStG haben insoweit keine Änderungen gebracht; vgl zur früheren,
insoweit inhaltsgleichen Fassung Senatsurteile vom 8. Mä - 9 RVs 5/94 -, SozR 3-3870 § 4 Nr 12 S
47, und vom 12. November 1996 - 9 RVs 9/95 -, BSGE 79, 231, 232 = SozR 3-3870 § 4 Nr 15 S 60;
stRspr) ist eine Person hilflos, wenn sie für eine Reihe von häufig und regelmäßig wiederkehrenden
Verrichtungen zur Sicherung ihrer persönlichen Existenz im Ablauf eines jeden Tages fremder Hilfe
dauernd bedarf. Diese Voraussetzungen sind auch erfüllt, wenn die Hilfe in Form einer Überwachung
oder einer Anleitung zu den in Satz 2 dieser Vorschrift genannten Verrichtungen erforderlich ist oder
wenn die Hilfe zwar nicht dauernd geleistet werden muss, jedoch eine ständige Bereitschaft zur
Hilfeleistung erforderlich ist (§ 33b Abs 6 Satz 3 EStG). Die so umschriebene Hilflosigkeit hat ihren
Ursprung in der Rechtsprechung des Reichsversorgungsgerichts (vgl dazu näher Wilke/Förster,
SozEntschR, § 35 BVG mwN; zur Übernahme im Steuer-, Sozialhilfe -, und Lastenausgleichsrecht vgl
Senatsurteil vom 2. Juli 1997 - 9 RV 19/95 -, SozR 3-3100 § 35 Nr 6 S 9 f mwN). Der vorliegend auch
vom BSG anzuwendende, seit 1995 nicht mehr geänderte Gesetzeswortlaut (das Gesetz vom 15.
Dezember 2003, BGBl I 2645 nahm nur eine redaktionelle Änderung vor: § 33b Abs 6 Satz 3 und 4 -
statt Satz 2 und 3 EStG; vgl zur Anwendung des neuen Rechts auch im Revisionsverfahren: BSG
SozR 3-3870 § 4 Nr 12 S 47 mwN) geht auf die Kriterien zurück, die von der Rechtsprechung im
Schwerbehindertenrecht bezüglich der steuerlichen Vergünstigung und im Versorgungsrecht
hinsichtlich der gleich lautenden Voraussetzungen für Pflegezulage nach § 35 BVG entwickelt worden
sind (vgl Senatsurteil vom 10. Dezember 2002, BSGE 90, 185 = SozR 3-3100 § 35 Nr 12). Dabei hat
sich der Gesetzgeber bewusst nicht an den Begriff der Pflegebedürftigkeit iS der §§ 14, 15 Elftes Buch
Sozialgesetzbuch - Gesetzliche Pflegeversicherung - (SGB XI) angelehnt (vgl
Senatsurteil vom 12. Februar 2003 - B 9 SB 1/02 R -, in SozR 4-3250 § 69 Nr 1, mwN, auch zu den im
Einzelnen zu berücksichtigenden Verrichtungen); schon daraus folgt, dass ein vollständiger
Gleichklang mit dem Recht der sozialen Pflegeversicherung nicht zu erwarten ist (aA wohl Palm aaO S
703, Kube aaO S 461).
a) Bei den gemäß § 33b Abs 6 EStG zu berücksichtigenden Verrichtungen handelt es sich um solche,
die im Ablauf eines jeden Tages unmittelbar zur Wartung, Pflege und Befriedigung wesentlicher
Bedürfnisse des Betroffenen gehören sowie häufig und regelmäßig wiederkehren (vgl dazu auch
Bürck, ZfS 1998, 97, 100).
aa) Berücksichtigungsfähig sind Verrichtungen zunächst in den auch von der Pflegeversicherung (vgl
§ 14 Abs 4 SGB XI) erfassten Bereichen der Körperpflege (Waschen, Duschen, Baden, Zahnpflege,
Kämmen, Rasieren, Darm- und Blasenentleerung), Ernährung (mundgerechtes Zubereiten und
Aufnahme der Nahrung) und Mobilität (Aufstehen, Zubettgehen, An- und Auskleiden, Gehen, Stehen,
Treppensteigen, Verlassen und Wiederaufsuchen der Wohnung); die Verrichtungen in diesen
Bereichen werden unter dem Begriff der sog Grundpflege zusammengefasst. Hinzu kommen nach der
Rechtsprechung des BSG jene Verrichtungen, die in den Bereichen der psychischen Erholung,
geistigen Anregungen und der Kommunikation (hier insbesondere Sehen, Hören, Sprechen und
Fähigkeit zu Interaktionen) anfallen, während Verrichtungen im Bereich der hauswirtschaftlichen
Versorgung nicht eingeschlossen sind (vgl zum Vorstehenden BSG SozR 4-3250 § 69 Nr 1 mwN).
bb) Hinsichtlich des Ausmaßes des in § 33b EStG angesprochenen Hilfebedarfs in Bezug auf die
genannten Verrichtungen geht der Senat davon aus (vgl BSG aaO; BSGE 90, 185 = SozR 3-3100 §
Nr 12), dass die tatbestandlich vorausgesetzte "Reihe von Verrichtungen" regelmäßig erst dann
angenommen werden kann, wenn es sich um mindestens drei Verrichtungen handelt, die einen
Hilfebedarf in erheblichem Umfang erforderlich machen (vgl zur Abgrenzung BSG SozR 3100 § 35 Nr
16; Senatsurteile vom 8. Oktober 1987 - 9a RVs 75/85 - und vom 23. Februar 1987 - 9a RVs 6/85 -:
keine Hilflosigkeit bei einer drei Mal in der Woche notwendigen Heimdialyse). Die Beurteilung der
Erheblichkeit orientiert sich an dem Verhältnis der dem Beschädigten nur noch mit fremder Hilfe
möglichen Verrichtungen zu denen, die er auch ohne fremde Hilfe bewältigen kann. In der Regel wird
dabei auf die Zahl der Verrichtungen, den wirtschaftlichen Wert der Hilfe und den zeitlichen Aufwand
abzustellen sein. Mit Blick auf die gesetzlichen Vorgaben in der sozialen Pflegeversicherung (vgl § 15
SGB XI) hält es der erkennende Senat für sachgerecht, die Erheblichkeit des Hilfebedarfs in erster
Linie nach dem täglichen Zeitaufwand für erforderliche Betreuungsleistungen zu beurteilen
(Senatsurteil vom 12. Februar 2003, SozR 4-3250 § 69 Nr 1).
b) Gemessen an diesem Maßstab ist nicht hilflos, wer nur in relativ geringem Umfange, täglich etwa
eine Stunde, auf fremde Hilfe angewiesen ist. Daraus ergibt sich jedoch nicht schon, dass bei einem
Überschreiten dieser Mindestgrenze in jedem Fall Hilflosigkeit zu bejahen ist; vielmehr sieht der Senat
einen täglichen Zeitaufwand - für sich genommen - erst dann als hinreichend erheblich an, wenn
dieser mindestens zwei Stunden erreicht (vgl aaO; kritisch Kube aaO). Um den individuellen
Verhältnissen Rechnung tragen zu können, ist aber nicht allein auf den zeitlichen Betreuungsaufwand
abzustellen; vielmehr kommt auch weiteren Umständen der Hilfeleistung, insbesondere deren
wirtschaftlichen Wert, Bedeutung zu. Dieser Wert wird wesentlich durch die Zahl und die zeitliche
Verteilung der Verrichtungen bestimmt; er ist gerade im Blick auf die Zahl der Verrichtungen bzw auf
eine ungünstige zeitliche Verteilung der Hilfeleistungen von Bedeutung (vgl aaO; kritisch zur
Individualisierung Palm aaO S 702 f).
Diese typisierenden Grundsätze gelten auch bei der Beurteilung, welche Bedeutung dem
Kommunikationsdefizit zukommt und ob bei kommunikationsbezogenen Verrichtungen in erheblichem
Umfang fremde Hilfe erforderlich wird (vgl bereits BSGE 72, 285 = SozR 3-3870 § 4 Nr 6 zum
Zeitaufwand als Indiz für den Umfang der notwendigen Hilfe). Für die Gruppe der gehörlos geborenen
oder vor Spracherwerb ertaubten Personen geht der Senat - worauf sich der Kläger bezieht - davon
aus, dass Hilfsbedürftigkeit auch ohne nähere zeitliche Prüfung bis zum Ablauf einer ersten
Berufsausbildung, mithin in der von Lernen, Kenntnis- und Fähigkeitserwerb geprägten
Lebensspanne, vorliegt (BSGE 79, 231 ff = SozR 3-3870 § 4 Nr 15 S 59 f; BSGE 72, 285 = SozR
3-3870 § 4 Nr 6; vgl dazu auch die Grundsätze in den "Anhaltspunkten für die ärztliche
Gutachtertätigkeit im sozialen Entschädigungsrecht und nach dem Schwerbehindertengesetz" 1996
<AHP 1996> S 40 Buchst e bzw AHP 2004 S 29 f Buchst e zur Hilflosigkeit bei Schwerhörigkeit).
Umgekehrt gilt, dass das Kommunikationsdefizit nicht generell die Annahme rechtfertigt, dass ein
gehörloser Mensch lebenslang hilflos ist (vgl BSG aaO; Urteil vom 10. Dezember 2003 - B 9 SB 4/02
R -, VersorgVerw 2004, 65), zumal die Hörsprachschädigung als Behinderung anerkannt ist: Darin
kommt zum Ausdruck, dass eine Teilhabe-Beeinträchtigung fortbesteht, die mit einem Grad der
Behinderung von 100 bewertet wird und an die steuerrechtlich der Pauschbetrag für behinderte
Menschen sowie der Fahrtkostenabzug geknüpft sind (dazu näher Senatsurteil vom 10. Dezember
2003 aaO). Besondere Umstände, die nach dem Abschluss der ersten Berufsausbildung einen zeitlich
erheblichen Hilfebedarf begründen könnten, wie sie der Senat für möglich gehalten hat (zB bei einer
langzeitigen beruflichen Weiterbildung, Minderbegabung oder geistiger Behinderung bzw zusätzlichen
Gesundheitsstörungen, vgl BSGE 79, 231, 233 f = SozR 3- 3870 § 4 Nr 15), liegen im Falle des
Klägers nicht vor.
c) Ein Hilfebedarf wegen Minderbegabung, geistiger Behinderung oder zusätzlicher
Gesundheitsstörungen sowie vergleichbare Umstände werden vom Kläger von vornherein nicht
geltend gemacht. Soweit die Annahme erneuter Hilflosigkeit auf die durchgeführte langzeitige
berufliche Weiterbildung gestützt wird, ist nicht davon auszugehen, dass ein entsprechender zeitlicher
Betreuungsaufwand besteht oder vergleichbare, wirtschaftlich ins Gewicht fallende Umstände
vorliegen. Weder enthält das Urteil des LSG entsprechende Feststellungen, noch reichen die vom
Kläger genannten Umstände - ihre sachliche Richtigkeit vorausgesetzt - hin.
aa) Zunächst gilt auch für den Kläger, dass sein Leben nach dem Abschluss der beruflichen
Erstausbildung von der Arbeit im erlernten Beruf geprägt ist (vgl BSGE 79, 231
= SozR 3-3870 § 4 Nr 15 mwN); dies folgt bereits aus dem Umstand, dass die Weiterbildung zum
Elektrotechniker berufsbegleitend erfolgt. Auch wenn die Weiterbildung mit den an die Verwendung
der Freizeit für Selbststudium und Präsenzunterricht gestellten Anforderungen hinzutritt, steht doch die
Vollzeitberufstätigkeit an fünf Wochentagen unverändert im Mittelpunkt des Lebens. Soweit dieser
Lebensbereich und auch die Weiterbildung außerhalb des Präsenzunterrichts (Telefonsprechstunde;
Austausch mit den Mitschülern) allgemein durch Kommunikationsschwierigkeiten geprägt ist, wird dem
durch den hohen GdB und die daran geknüpften Nachteilsausgleiche Rechnung getragen. Weiter
macht der Kläger selbst nicht geltend, er benötige für das Selbststudium der zur Verfügung gestellten
Unterrichtsmittel fremde Hilfe; durch den Abschluss der Erstausbildung hat der Kläger das auch für
diesen Teil der Weiterbildung erforderliche Schreiben und Lesen in dem einem Gehörlosen möglichen
Umfang erlernt (vgl BSG aaO).
bb) Eine andere Bewertung folgt auch nicht aus dem zeitlichen Umfang der während des
Präsenzunterrichts erforderlichen Hilfe. Selbst wenn die an den Kläger in diesen Phasen gestellten
Anforderungen über jene hinausgehen, die sonst im Ablauf eines jeden Tages anfallen, wird mit dem
darauf entfallenden Bedarf an fremder Hilfe nicht die Mindestgrenze erreicht. Nach den nicht mit
durchgreifenden Verfahrensrügen angegriffenen Feststellungen des LSG, an die das BSG gebunden
ist (§ 163 SGG), erreicht der für die Weiterbildung erforderliche Hilfebedarf nämlich nicht den
gebotenen Umfang von zwei Stunden täglich.
Soweit der Präsenzunterricht als zweiter wesentlicher Teil der beruflichen Weiterbildung - neben dem
Selbststudium - im Umfange von insgesamt 490 Unterrichtsstunden jeweils an Samstagen sowie
zusätzlich in Kompaktseminaren gehalten wird, kann hier offen bleiben, ob einer Berücksichtigung des
damit verbundenen Hilfebedarfs nicht bereits entgegen steht, dass insoweit von einem "täglichen
Zeitaufwand" nicht gesprochen werden kann (vgl BSGE 90, 185, 187 = SozR 3-3100 § 35 Nr 12;
ebenso wiederum die og Senatsurteile zur Dialyse: BSG SozR 3100 § 35 Nr 16; vom 8. Oktober 1987
- 9a RVs 75/85 - ; vom 23. Februar 1987 - 9a RVs 6/85 -). Der Wortlaut von § 33b Abs 6 Satz 2 EStG
bezieht sich ausnahmslos auf die Verrichtungen "im Ablauf eines jeden Tages“ und unterscheidet sich
insoweit signifikant von Wendungen im Recht der Pflegeversicherung (vgl etwa § 15 Abs 1 und 3 SGB
XI: "zusätzlich mehrfach in der Woche“ bzw "wöchentlich im Tagesdurchschnitt“). Unbeschadet dessen
ergibt sich aus den genannten Feststellungen des LSG, dass auch eine entsprechende Umrechnung
der auf den Samstag entfallenden Unterrichtsstunden auf den "wöchentlich im Tagesdurchschnitt“
erforderlichen Hilfebedarf nicht das gebotene Mindestmaß erreicht. Da die Kompaktseminare nicht
wöchentlich stattfinden und auch nicht jeweils mindestens sechs Monate dauern, haben sie von
vorneherein unberücksichtigt zu bleiben.
cc) Vor diesem Hintergrund müssen auch die von der Revision vorgetragenen Erschwernisse dahin
stehen, die die berufsbegleitende Weiterbildung von den (günstigeren) Umständen der Erstausbildung
unterscheiden. Sie fallen, soweit sie überhaupt einen Hilfebedarf begründen, nach den
berufungsgerichtlichen Tatsachenfeststellungen schon zeitlich nicht ins Gewicht. Allein für sich
betrachtet kann jedenfalls die Mitwirkung eines Gebärdendolmetschers im Präsenzunterricht nicht als
die Lebensspanne prägend bezeichnet werden. Unabhängig davon liegt es auf der Hand, dass es sich
insoweit um typische Erschwernisse in der Lebensführung eines schwerhörigen Menschen handelt.
Dies gilt auch im Hinblick auf zusätzliche Belastungen, die mit der berufsbegleitenden Weiterbildung
verbunden sind.
dd) Die von der Revision angeführte Alternativlosigkeit der Weiterbildung in berufsbegleitender Form
hat der Senat nicht weiter zu überprüfen; selbst wenn man davon ausgeht, dass in Fällen der
Techniker-Weiterbildung in Vollzeitform angesichts des damit für gehörlose Menschen verbundenen
Hilfebedarfs diesen das Merkzeichen "H“ zuzugestehen wäre, kann sich der Kläger darauf nicht
berufen. Die Unterschiede in der Fallgestaltung rechtfertigen eine andere Beurteilung bei
berufsbegleitender Weiterbildung. In der von ihm gewählten Weiterbildungsform erfüllt der Kläger die
gesundheitlichen Voraussetzungen für das Merkzeichen "H" jedenfalls nicht.
Die Kostenentscheidung beruht auf § 193 SGG.